Das Mondlied
Ein musikalisches Märchen von Gisela Rothe 
Vor langer Zeit lebte einmal ein mächtiger König. Er herrschte über ein großes Reich und nannte eine Schar von Kindern sein eigen, die so recht nach seinem Herzen waren: kräftige, ehrgeizige Söhne, die jeden Gegner im Turnier besiegten und anmutige, schöne Töchter, die von den Fürstensöhnen von weit her umschwärmt wurden. Kummer machte ihm nur seine jüngste Tochter, die so ganz anders als ihre Schwestern war. Während die Schwestern prächtige Kleider und wertvollen Schmuck liebten und jedes Fest auf den umliegenden Schlössern besuchten, hielt die Jüngste sich von alldem fern. Am liebsten war sie draußen in der Natur, im Wald oder auf den Feldern.
"Das Mondlied" – Holzschnitt von Meinrad Bieg
Hier hatte sie einen Freund, dem sie in tiefer Liebe verbunden war. Er war der Sohn des Stallmeisters und mit ihm streifte sie in langen Ausflügen durch die Umgebung des Schlosses. Mit keinem anderen Menschen verstand sich die Prinzessin so wie mit ihm; wenn sie miteinander sprachen, lachten oder auch schwiegen, konnten sie alles um sich herum vergessen. Ganz besonders liebte die Prinzessin es, wenn ihr Freund auf seiner Weidenflöte spielte, die er sich selbst geschnitten hatte. Hierin war er Meister, und in der Kunst seines Spiels tat es ihm keiner gleich.
Für die Königstochter schnitzte er eine besonders kunstvolle Flöte und sie ruhte nicht eher, als bis auch sie die schönsten Melodien hervorbringen konnte.
Der König beobachtete all dies mit Unmut: "Das ist keine Beschäftigung für eine Königstochter!", hielt er ihr eins ums andere Mal vor. Und er beschloss, den jungen Musiker in die Fremde zu schicken und die Königstochter mit einem der Fürstensöhne des Landes zu verheiraten. Dann würde sie sicher auf andere Gedanken kommen und sich endlich so benehmen, wie es sich für eine Königstochter gehörte.
Als die Prinzessin von dem Entschluss ihres Vaters erfuhr, wurde sie sehr traurig und still. Lange saß sie an ihrem Fenster und schaute in die Ferne, wo sie nun ihren Freund wusste. Noch einmal nahm sie ihre Flöte zur Hand und spielte.
Die Königstochter verstummte. Sie lachte nicht, weinte nicht und sprach zu niemandem mehr.
Dem König wurde bange. Er ließ rauschende Feste veranstalten, um seine Tochter aufzumuntern. Er ließ Spaßmacher und die lustigsten Musikanten an den Hof kommen, die alle Gäste mit ihren Kunststücken und mit ihrer Musik begeisterten.
Doch die Prinzessin blieb stumm.
Wie erleichtert war der König, als seine Tochter eines Tages sprach: „Ich werde denjenigen heiraten, der mir das wertvollste Geschenk bringt!“
Der König liebte seine Tochter im Grunde aufrichtig und wollte sie von Herzen gern wieder glücklich sehen. Jetzt war sie wohl sicher über ihren Kummer hinweggekommen und hatte ihren Freund vergessen, so dachte er froh.
Viele reiche Fürstensöhne erschienen nun am Hofe und hielten um die Hand der jüngsten Königstochter an. Sie brachten ihr die kostbarsten Geschenke und prahlten mit ihren Heldentaten und mit dem Reichtum ihrer Schlösser.
Doch so sehr die jungen Herren sich auch bemühten, mit ihr zu scherzen und recht stolz und geistreich zu sein – die Prinzessin blieb stumm.
So verging ein Jahr. Der junge Freund der Prinzessin war auf Befehl seines Königs viele Länder durchstreift, doch hatte er keinen Platz gefunden, wo er glücklich sein konnte. Zu sehr quälte ihn die Sehnsucht nach seiner liebsten Freundin. Er hatte von den Ereignissen am Könighofe erfahren und auch die Bedingung vernommen, die die Prinzessin an ihren zukünftigen Gemahl gestellt hatte. Diese Nachricht machte ihn nur umso trauriger, denn er konnte ja kaum ein so wertvolles Geschenk bringen, wie die Prinzessin es offenbar forderte.
Eines Nachts träumte er einen seltsamen Traum: Er hatte eine öde und kahle Landschaft durchwandert, die ganz zu seiner traurigen Stimmung passte. Plötzlich erblickte er die Prinzessin – ganz in der Nähe auf einem Hügel, so selbstverständlich und vertraut, als wären sie keinen Tag getrennt gewesen. Sie winkte und lächelte ihn freundlich an: „Eile, mein lieber Freund“, so sprach sie. „Eile und bringe du mir das wertvollste Geschenk!“
Da erwachte er – erstaunt, aber zugleich auch hoffnungsfroh.
Das wertvollste Geschenk? Ja, er würde es schaffen!
Er würde der Prinzessin dieses Geschenk bringen – und wenn er sein Leben dafür einsetzen müsste!
Wo aber sollte er ein solches Geschenk finden? Und würde es ihm gelingen, vor dem Reichtum der vielen Fürstensöhne zu bestehen, die doch auch alle abgewiesen worden waren? Je mehr er nachdachte, umso verzweifelter wurde er und ohne zu wissen, in welcher Richtung sein Ziel läge, wanderte er gedankenvoll durchs Land.
Zwei Tage und zwei Nächte eilte er über Berge und Täler, in Gedanken versunken und ohne Unterlass beschäftigt, nach einer Lösung zu suchen.
Am Abend des dritten Tages kam er durch einen lichten Wald. Nun verließen ihn die Kräfte und verzweifelt ließ er sich ins weiche Moos sinken. Sein Körper gehorchte ihm nicht mehr, aber seine Gedanken kreisten unaufhörlich und quälend um den Auftrag, den ihm die Prinzessin im Traum erteilt hatte. Doch welches war das wertvollste Geschenk?
Erschöpft fiel er in einen tiefen Schlaf. Alles war still um ihn, regungslos und verzaubert.
Er mochte noch nicht lange geschlafen haben, da war ihm, als hörte er plötzlich zarte Flötenklänge.
Wie lange war es her, dass er eine solche Musik gehört hatte, und wie lange hatte er selbst nicht mehr auf seiner Flöte gespielt! In einiger Entfernung entdeckte er eine Gestalt, die im Moos saß und an einen Baum gelehnt Flöte spielte.
Voller Erstaunen erkannte er sich selbst in dieser Gestalt wieder: Ganz genauso hatte er früher immer gesessen, wenn er für die Prinzessin spielte! Der Mond stand leuchtend am Himmel und der Junge sah sich von einer lieblichen Landschaft umgeben. Die Flötentöne verschmolzen mit dem milden Mondlicht zu einer wunderschönen, zarten und klagenden Melodie. So viel Schönheit und so viel hoffnungsvolle Sehnsucht lag darin, dass er ganz davon erfüllt wurde und sich wünschte, sie möge nie enden. Dieses Mondlied würde er nie vergessen, ja, er würde nur noch in der Erinnerung an dieses Lied spielen wollen!
Doch plötzlich nahm er wahr, wie sich die Landschaft zusehens veränderte. Der Mond, der sein sanftes Licht über den Flötenspieler gespendet hatte, wurde von düsteren Wolken verdeckt. Ein scharfer Wind ließ den Jungen erschauern und wie gebannt auf den Flötenspieler blicken, der kaum noch zu erkennen war. Ein eiskalter Sturm erhob sich und wirbelte Nebelfetzen und Wolken von Sand und Staub durcheinander. In wenigen Augenblicken verwandelte sich die liebliche Landschaft in eine öde und grausame Wüste, in der es kein Leben geben konnte.
Und doch es gab Leben: Geister, Gnome und wilde Tiere, die keinen natürlichen Tieren ähnelten, herrschten hier. Die Luft war erfüllt von ihrem Gestank und erzitterte von ihrem Brüllen und Kreischen. Sie umschlichen den Flötenspieler in einem weiten Kreis, der aber von Mal zu Mal enger wurde, so dass sie ihm immer näher kamen.
War das Mondlied selbst im ärgsten Sturm noch zu hören gewesen, so überdeckten sie die zarte Melodie nun durch ihr hässliches Lärmen.
„Nein“, wollte der Junge rufen, „ihr dürft das Mondlied nicht zerstören!“ Doch er vermochte keinen Laut hervorzubringen. Seine Zunge war wie gelähmt und er war gebannt vor Entsetzen. Tatenlos und ohne helfen zu können, musste er dem schrecklichen Kampf zwischen dem Mondlied und jenen geheimnisvollen und bösen Mächten zuschauen.
Als der Junge verwirrt erwachte, fühlte er sich steif vom Tau der Nacht. Was war geschehen? War das Mondlied Wirklichkeit gewesen oder hatte er nur geträumt? Und vor allem: Wer hatte am Ende gesiegt? Nachdenklich nahm der Junge seine Wanderung wieder auf – die Erinnerung an das Mondlied ließ ihn nicht ruhen.
Doch allmählich gewann für ihn ein großartiger Gedanke immer mehr an Klarheit: Endlich wusste er, welches Geschenk die Prinzessin gemeint hatte, ein Geschenk, das für sie wertvoller war als alle Macht und der größte Reichtum. Und der Junge fühlte sich unendlich glücklich und beschwingt, als ihm klar wurde, dass nur er allein der Königstochter dieses Geschenk bringen sollte. So machte er sich eilig auf den Heimweg.
Am Königshofe hatten unterdessen viele Hochzeiten stattgefunden. Die Söhne des Königs hatten sich mit reichen Fürstentöchtern vermählt und herrschten nun über ihre eigenen Länder. Die Töchter hatten angesehene Fürstensöhne geheiratet und lebten zufrieden an den Höfen ihrer Ehemänner. Nur die jüngste Königstochter lebte noch im Schloss ihres Vaters. Sie hatte alle Werber abgewiesen – kein Geschenk auch des reichsten Fürsten schien ihr wertvoll genug zu sein.
Der König wusste nicht mehr weiter. Wenn sich seine Jüngste nicht verheiraten wollte, nun, dann war daran nichts zu ändern. Dass sie aber all die lange Zeit immer noch stumm geblieben war, nie lächelte und an nichts Freude zeigte, das tat ihm in der Seele weh und legte sich wie ein dunkler Schatten über das gesamte Leben auf dem Schloss.
Es war in einer Vollmondnacht, als die Schlossbewohner durch eine Flötenmelodie geweckt wurden. Draußen im Park erklang sie – erst leise, dann kräftiger, erzählend, lockend und jubelnd schwebte sie im Mondlicht.
Auch der König erhob sich und lauschte am offenen Fenster in den Park hinaus. Was war das? Wann hatte er solche Klänge schon einmal gehört? Hatte nicht seine Tochter früher genauso auf ihrer Flöte gespielt, früher, als sie noch sprechen, lachen und weinen konnte?
Dies war eine Musik, die ihn tief berührte, ihn froh und wehmütig zugleich machte. Dem König liefen Tränen des Glücks und der Reue über die alten Wangen, denn jetzt wusste er, dass derjenige gekommen war, der seiner Tochter das wertvollste Geschenk brachte.

Für Kinder – oder mit Kindern ein Konzertprogramm rund um die Blockflöte zusammenstellen und ihnen den Zugang zur gespielten Musik erleichtern: Die Atmosphäre und die Handlung eines Märchens können den Rahmen hierzu liefern. Die Musikbeiträge werden passend zu den einzelnen Stationen der Geschichte ausgewählt und bekommen so auch für jüngere Kinder einen anschaulichen Hintergrund. Zur „akustischen Illustration“ des Mondlied-Märchens ist Blockflötenmusik aus dem Mittelalter bis zur Moderne, sind beliebige Besetzungen und beliebige Schwierigkeitsgrade möglich. Im Text habe ich die Stellen, an denen die Musikbeiträge eingeschoben werden können, durch einen größeren Absatz markiert. Natürlich ist auch eine andere Aufteilung und Gestaltung denkbar. "Das Mondlied" als Kinderkonzert
Ich freue mich über jeden, der mein Märchen als Grundlage für eine musikalische Gestaltung nimmt – selbstverständlich unter Respektierung des Urheberrechtes.
Bei einer öffentlichen Aufführung bitte ich um eine Mitteilung und bin für die Zusendung von Presseberichten oder Fotomaterial dankbar!
Sie stand ganz in der Nähe unter einem Baum, so selbstverständlich und vertraut, als wären sie keinen Tag getrennt gewesen.